WIE MAN VON GRUEEZI ZU NEY HO GELANGT (BEITRAG)

Wir sind also angekommen, in einer Welt von abgepacktem Essen mit wahlweise Hühnchen oder Pasta und zuvorkommenden Stewardessen, die einem jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Entgegen aller Vorstellungen gefällt es mir richtig gut. Beispielsweise dieser Moment, in dem die Beine wieder in eine für Menschen normal erscheinende Position gelangen, nachdem sie ungefähr sieben Stunden zwischen Sitz, Decke, Kissen und Einwegkopfhörer eingeklemmt waren, ist einfach unbeschreiblich schön. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, das hat schon Reinhard Mey gesungen. Allerdings hat er da anscheinend die Beinfreiheit völlig außen vor gelassen. Wieso auch nicht? Das ist ja auch nur ein unbedeutender Aspekt, der gerne ausgeblendet werden kann. Allerdings muss an dieser Stelle erwähnt werden: Qatar Airways ist cool! Die Stewardessen sehen recht anschaulich aus und sind zudem auch noch sehr freundlich, das Essen ist wirklich genießbar und die Multimedia-Auswahl ist gigantisch. Auch wenn „Rogue One: A Star Wars Story“ leider noch nicht verfügbar war.

ABFLUG ZÜRICH

Aber alles hat einen Anfang: Nachdem sich Angi und ich von unseren Eltern am Flughafen Zürich verabschiedet haben, ging’s schnurstracks durch die Sicherheitskontrolle und zum Gate. Wäre da nicht eine unvorhersehbar langwierige Passkontrolle aufgetaucht. Die Schweizer nahmen sich alle Zeit der Welt jeden einzelnen Pass genauestens zu kontrollieren und die Reisenden erst dann passieren zu lassen, wenn sie die komplette Lebensgeschichte kannten. Das kostet natürlich Zeit. Zeit, die wir nicht haben, da unser Flug bereits abfliegen sollte, als wir noch so weit davon entfernt waren, passieren zu dürfen, wie Tom Cruise davon, die Scientology Church zu verlassen. Als wir’s dann doch noch geschafft haben, ging’s ab in die Skymetro, die einen dann nun wirklich zum Gate bringt. Auf der Fahrt hat man noch kurz die Gelegenheit, einen Blick auf die schärfste Heidi der ganzen Schweiz zu werfen und dann ist man auch schon da. An der Endstation wurden wir schon von einer aufgeregten Qatar Airways Mitarbeiterin in Empfang genommen, die uns wild fuchtelnd vermittelte, dass wir die Rolltreppe hoch, den Gang entlang und dann nach rechts rennen sollten, um es noch gerade so in den Flieger zu schaffen. Also Beine in die Hand und gib ihm! Als wir schlussendlich völlig verschwitzt auf unseren Sitzen im Flieger saßen, ging es dann erst los.

FLUG ZÜRICH – DOHA

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Oder eben auch nicht: gute zwei Stunden später hoben wir dann erst ab. Und nein, es lag nicht an uns. Das Flugzeug hatte technische Probleme, wie uns der durchweg kompetente und gelegentlich sogar charmant erscheinende Kapitän erklärte. Er bedankte sich wenigstens in aller Ausführlichkeit bei uns für unser Verständnis. Aber was hat er erwartet? Dass ein aufgebrachter Mob nach zwei Stunden Verspätung bei ihm an die Bordtüre hämmert und Tod und Verderben der gesamten Besatzung fordert? Dafür sind die meisten Insassen viel zu müde oder gerade dabei die schier endlos erscheinende Serienauswahl durchzusuchen oder Schweizer.
Beim Abflug vom Flughafen Zürich sitzt Angi links von mir am Fenster und rechts eine kleine Asiatin. Noch kenne ich zu wenige Asiaten, um genau zu bestimmen, woher sie kommt. Aber die Tatsache, dass wir von Zürich über Doha nach Hongkong reisen, lässt die Vermutung in mir wachsen, dass sie womöglich nach Hongkong möchte. Alles andere wäre reine Spekulation. So verbringen wir drei gemeinsam die ersten Stunden in unserem kleinen Mikrokosmos. So kommt es mir zumindest vor. Denn sobald ich mein Handgepäck in den dafür vorgesehenen Plätzen verstaut und mich auf meinem Platz niedergelassen habe, bekomme ich irgendwie vom Rest nichts mehr mit. Außerdem befindet sich vor mir ein Bildschirm. Und dieser hat allerlei zu bieten. Von einer großen Film- und Serienauswahl über die neusten Hits von Céline Dion bis hin zu erstklassigen Spielen wie „Luggage Weight“, bei dem man das Gewicht von vorbeifliegenden Koffern und Rucksäcken bestimmen muss oder „Bowling Dream“, das mich nach dem 9.472.190. Strike darin bestätigt, dass an mir ein Bowling-Profi verloren gegangen ist. Angi liest. Oder schläft. Ich bowle mich hier in die heiligen Bowling-Jagdgründe und sie bekommt lediglich von meinem fulminanten Finale etwas mit. So langsam wird es dann doch etwas ungemütlich: meine Beine suchen sich alle zehn Minuten eine neue Position, das Kissen im Rücken ist nicht mehr an der richtigen Stelle und dann ist es mal zu warm, mal zu kalt. Okay, das ist Meckern auf hohem Niveau – immerhin habe ich eine Weltreise vor mir, aber man soll ja sagen, was einen stört. Das unbequeme Gefühl ändert sich aber schlagartig, als die Stewardessen die ersten Getränke servieren: Whisky und Wasser bestellen wir. Ganz viel davon und dann ist sowieso alles okay – denke ich. Bis der Whisky kommt – Johnnie Walker Red Label – mehr muss ich dazu nicht mehr sagen. Mit genügend Wasser kann man es aber durchaus trinken. Dann kommt auch schon das Essen. Ich suche mir das Hühnchen aus und bin erstaunt über die Qualität der Mahlzeit. Es ist nichts versalzen, zu scharf oder zu fad. In diesem Punkt: 4 von 5 Sternen. Beim Whisky gibt’s 1 Stern – aber auch nur dafür, dass sie welchen hatten.

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Wie lange der Flug von Zürich nach Doha genau gedauert hat, kann ich nicht sagen. Irgendwas über fünf Stunden oder so. Die Verspätung haben wir dadurch aber auch nicht wieder reingeholt. Bei Ankunft in Doha ist der Flieger nach Hongkong schon lange weg.

AUFENTHALT DOHA

Unser 6-stündiger Aufenthalt am Flughafen Doha wurde uns jedenfalls so angenehm wie möglich gemacht. Nachdem wir das Flugzeug verlassen haben, drückt uns eine Mitarbeiterin von Qatar Airways unsere neuen Flugtickets, die gleichzeitig ein Gutschein für das Restaurant beinhalten, in die Hand.

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Aber vor dem Essen muss ein bisschen geschlafen werden. Die nächste Family Quiet Lounge, am anderen Ende des Flughafens, ist auch schnell gefunden und dann wurde geratzt, was das Zeug hält. Das hat aber nur der Herr neben uns. Durch seine übermäßig lauten Schnarchgeräusche, sind wir dann gar nicht mehr so müde. Ein wenig haben wir aber doch gedöst. Und nach einem Frühstück mit sowas, das durchaus an Rührei erinnert, geht es einem gleich viel besser. Zum ersten Mal habe ich dann auch auf einer Flughafentoilette meine Zähne geputzt und die notwendige Katzenwäsche vollzogen. Bei Toiletten, die mit einer Art Intimdusche ausgestattet sind, kommt es anscheinend nicht selten vor, dass diese auch benutzt wird. Neben mir duschen die Männer ausgelassen in ihren Kabinen, was zu einer weiteren enormen Schlange und somit Wartezeit führt. Zeit, die wir nicht haben, weil… so langsam kennt man das Spiel. Aber auch das haben wir überstanden und sitzen im Flieger von Doha nach Hongkong.

FLUG DOHA – HONGKONG

Leider getrennt voneinander, da bei der Umbuchung unsere Platzreservierung nicht berücksichtigt wurde und das Flugzeug bis auf den letzten Platz ausgebucht ist. Aber ein sehr netter Franzose war bereit mit Angi den Platz zu tauschen und so sitzen wir dann doch nebeneinander. Der Flug von Doha nach Hongkong dauert etwa eine Folge „Bob’s Burger“, einmal die Länge von „War Dogs“ plus einmal die Länge von „Jack Reacher: Never Go Back“ und einer Folge „Brooklyn Nine Nine“. Also irgendwas mit 7 Stunden noch mal was.
Die portionierten Bekanntschaften von Menschen, die vor der Toilettentüre warten oder versuchen sich zwischen Servierwagen und Stewardess hindurch zu quetschen, von denen auch Edward Norton in „Fight Club“ spricht, sind in der Zeitrechnung nicht berücksichtigt. Wobei Edward damit vollkommen recht hat: es ist wirklich alles portioniert und der Hühnchen-süß-sauer-Bausatz könnte dem Original nicht ähnlicher sehen.
Während ich im Schlaf von tollem Essen, schönen Stränden und natürlich dem warmen Wetter, das uns bevorsteht, träume, füllt Angi pflichtbewusst die Einreisedokumente für Hongkong aus. Eine kleine Information am Rande: ein zusätzliches Visum ist in Hongkong für einen Aufenthalt von bis zu 90 Tagen nicht nötig.
Luftlöcher mit der Größe eines deutschen Bundeslandes reißen mich aus meinen Gedanken und bringen mich zurück zum Thema Komfort: die Sitze der Qatar Airways Maschinen lassen sich bis auf ein paar Ausnahmen problemlos nach hinten lehnen und verschieben. Am Kopf sind sogar bequeme Stützen eingebaut. Die Kopfhörer haben guten Kontakt mit den in der Armlehne versteckten Anschlussbuchsen und die Stewardessen bringen immer wieder alkoholische und nichtalkoholische Getränke vorbei. Zudem findet man eine Decke, ein Kissen sowie Ohrstöpsel und eine Schlafmaske in der Ablage vor sich. Also alles da, um die Flüge eigentlich ganz angenehm zu überstehen – sofern man die Luftlöcher ausblenden kann.

ANKUNFT HONGKONG

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Komplett übermüdet kommen wir dann auch am Flughafen Hongkong an, unserer ersten Station. Von Flughafenmitarbeitern, die allesamt Mundschutz tragen, werden wir Rollband für Rollband zur Gepäckausgabe geleitet und dürfen dann nach ein wenig Wartezeit unsere Fjällräven Rucksäcke voller Vorfreude aus dem Flughafen in „Asia’s World City“ tragen.
Dann haben wir die Qual der Wahl: entweder wir nehmen den Bus vom Flughafen in die Stadt, den Zug oder das Taxi. Da wir vorhaben nach Hongkong noch weiter zu reisen und die geizigen Mitteleuropäer in uns aufschreien, nehmen wir natürlich das billigste Transportmittel: den Bus. Die tolle Fahrt in einem dieser komfortablen Doppeldeckerbussen mit WiFi kostet HK$ 33 oder umgerechnet ca. 4 € / CHF 4.30. Wenn man am Customer Service Centre (Airport Ground Transportation Centre) gleich noch ein Rückfahrtticket dazu löst, kommt man noch günstiger (HK$ 55). Da unser Hostel in Kowloon liegt, nehmen wir die Cityflyer Route A21. Diese bringt uns in sage und schreibe 60 Minuten zur Haltestelle 14 „Middle Road, Nathan Road“ – also quasi direkt vors Hostel. Trotz der Tatsache, dass wir von der Haltestelle nur einen Steinwurf vom Hostel entfernt sind, werden uns auf ca. 5 Metern alle möglichen Rolex, etwa zehn Mal die günstigste Unterkunft, eine willige Frau und diverse Drogen angeboten. Unser Hostel liegt mitten in den berühmten Chungking Mansions und sobald man endlich drinnen ankommt, wehen einem allerlei indische Gerüche entgegen oder noch ein paar andere Dinge. Nach einem freundlichen Check-In, bei dem der Rezeptionist aka „Hostel-Daddy“ mehrmals versucht hat Angi von sich zu überzeugen und uns mehrere Zimmer zur Auswahl gestellt hat, haben wir uns das mit der besten Aussicht rausgelassen.

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Ney Ho, Hongkong.