Ich fühle mich fast ein bisschen schwerelos, als der Rottnest Express über die Wellen hinweg, in Richtung Endstation peitscht. Und wenn ich peitschen sage, dann meine ich das auch so. Dieses Schnellboot bringt einen in Nullkommanichts nach Rottnest Island und auf den Wellengang wird dabei nicht wirklich Rücksicht genommen. Eine große Welle nimmt das Boot mit und dann fliegen wir schon über die drei nächsten hinweg. Die Kotztüten, die ich schon aus den Flugzeugen kenne, werden spätestens nach der fünften brutalen Landung, mit den liebevollen Worten „just in case“, an die umherfliegenden Passagiere verteilt. Aber nur diejenigen bekommen einen „vomit bag“, die es noch schaffen ihren Arm zu heben, während der Steward an ihnen vorbei brettert. Ist vielleicht auch besser so. Für alle anderen ist es sowieso schon zu spät.

Allein die Fahrt nach Rottnest Island ist schon ein Abenteuer für sich. Man sitzt zusammengequetscht mit einem Haufen Asiaten, ein paar Europäern – von denen die meisten Schweizer sind – und einigen Amerikanern, die wirklich alles auf dem Weg von Fremantle B-Shed zur Thompson Bay auf Rottnest entweder „awesome“ oder „amazing“ finden, gemeinsam in einem kleinen Boot, das in abartiger Geschwindigkeit von einer Seite zur anderen schwankt. Aber sonst ist’s richtig geil! Nein, ehrlich: es macht Spaß, auf sämtlichen Selfies des chinesisches Pärchens, eine Sitzreihe vor uns, zu sein, nur weil man sich einfach nirgends anders hin bewegen könnte und daher wie ein völlig Verrückter die Augen aufreißt und direkt in die Kamera starrt. Ahja, ein paar Henna-Tattoos mitsamt den dazugehörigen Indern waren auch mit an Bord. Und so steuern wir muntere Truppe, unserem Schicksal entgegen: Thompson Bay, Rottnest Island. Nach einer fast endlos erscheinenden Sicherheitsinstruktion – die uns im Fall der Fälle wohl nichts gebracht hätte, da wir, wenn wir irgendwo auf der Strecke gekentert wären, niemals das komplette Video hätten sehen können, da es dummerweise erst mit dem Anlegen am Steg auf der Insel endete – torkelten dann alle Insassen, manche mit Kopf in der Kotztüte und andere ohne, aus dem Rottnest Express.
Mir ging’s gut. Ich habe schon so einige Segeltörns mit meinem Vater mitgemacht. Und ihm war auch immer völlig egal, welcher Wellengang herrschte – sofern denn überhaupt einer herrschte. Mich kann daher so schnell nichts aus der Ruhe bringen.

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Als ich dann zum ersten Mal meinen Fuß auf Rottnest Island setze, will ich schon gar nicht mehr weg. Ich glaube es ist die Mischung aus absoluter Ruhe und Entspannung – denn wirklich jeder auf dieser Insel ist bis in die Haarspitzen in vollkommenem Einklang mit sich selbst – und der Tatsache, dass Rottnest Island ein absolutes Paradies ist. Hier gibt es eigentlich alles, was das Herz eines Reisenden begehrt: weiße Sandstrände, raue Felsenstrände, reichhaltige Muschelstrände – allgemein hat’s hier sehr viele tolle Strände, kleine Hügel, denn als Berge kann Angi diese Erhebungen nun wirklich nicht nennen, kleine Täler, ein Resultat der kleinen Hügel, einen Leuchtturm, zahlreiche Buchten und Thompson Bay – eine Bucht und gleichzeitig Anlegestelle aller Fähren inklusive Shoppingmeile.
Also haben wir einiges vor uns, wenn wir die ganze Insel sehen wollen. Zum Glück ist meine Tante so schlau und hat uns dazu geraten die Fährtickets, gleich mit den Leihfahrrädern zu kombinieren. So sparen wir nicht nur Geld, sondern sind ab der ersten Sekunde auf Rottnest Island auch mit dem Fahrrad unterwegs. Das Paket „Ferry & Bike Hire Deal“ hat uns von Fremantle B-Shed aus nur AU$ 59 pro Person gekostet. Das sind umgerechnet ungefähr 42,40 € / CHF 45.50. Aber das gibt’s auch nur am Dienstag so günstig, denn da ist „Telethon Tuesday“.

Der Rest von unserem Trupp, die Japanerin, die bei meiner Tante wohnt und der Deutsche, der ebenfalls in unserer WG haust, wartet bereits in einem kleinen Café auf uns. Die beiden haben eine Fähre vor uns genommen und können ihre Fahrräder erst bei einem Fahrradverleih auf der Insel ausleihen. Meine Tante, mein kleiner Cousin, Angi und ich stoßen mit unseren Rädern zu ihnen und dann geht’s los. Wir haben uns vorgenommen, den Tag ganz ruhig und gelassen zu verbringen: wir radeln nur einmal um die komplette Insel. Nur einmal 25 km. Nur einmal? Was denkt meine Tante, wen sie da im Gepäck hat? Lance Armstrong und Jan Ullrich? Wir sind zwei Backpacker, die erst 14 Tage zuvor unsere Reise begonnen haben. Wir sind so fit wie ein Wiesel. Ein altes Wiesel. Blind. Mit Arthrose. Am Straßenrand liegend. Platt gefahren. Vor fünf Tagen. Und genau deshalb fährt sie ja auch nur EINMAL mit uns um die Insel. Naja, okay. Wollen wir doch mal sehen, wer hier wen abzieht.

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Von Thompson Bay geht es erst einmal runter in Richtung „Bickley Point“. Ein kleiner Punkt am östlichen Ende der Insel, mit einer beeindruckenden Aussicht. An klaren Tagen und zur richtigen Jahreszeit, kann man von hier aus Wale beobachten. Leider sind wir natürlich zur falschen Jahreszeit da. Aber es ist trotzdem schön. Dann radeln wir die Küste entlang, an einem Traumstrand nach dem anderen vorbei, zur „Little Salmon Bay“. Hier ist ein Schnorchel-Icon auf der Karte abgebildet, was soviel heißt wie: geh hier schnorcheln, du wirst es nicht bereuen! Also machen wir hier zum ersten Mal Rast. Völlig außer Atem stelle ich mein Fahrrad ab und torkle mit wackeligen Beinen, die Stufen zum Strand hinab. Und da stehe ich nun. Auf dem wohl schönsten Strand, den ich bis jetzt gesehen habe. Weißer Sand, kristallklares Wasser, wenige Menschen und dem Schnorchel-Icon auf der Karte. Was kann da noch schief gehen? Schnell aus der sportlichen Jeansshorts, in die Badeshorts gehüpft und rein ins kühle Nass. Kühl ist auch die richtige Beschreibung der Temperatur. Es ist angenehm kühl an einem Tag, der um die 35 Grad hat. Also genau richtig. Natürlich hab ich dann auch die Schnorchelausrüstung ausgepackt und mir diese Bucht mal von unten angeschaut. Ich habe es nicht bereut: beeindruckende Korallen, komisch aussehende Fische und mehrere Krabben, gaben sich vor meiner Schnorchelbrille die Klinke in die Hand. Da hat sich einiges abgespielt vor meiner Nase. Und für mich war es das erste Mal, dass ich richtig Schnorcheln war. Also war es gleich doppelt interessant. Ich kann es jedenfalls nur weiterempfehlen.

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Nach dieser gelungenen Abkühlung und dem Abhaken von „Schnorcheln gehen“ auf meiner Bucket List, schwingen wir uns wieder auf unsere Räder und radeln gen Westen. In den nächsten Stunden legen wir ordentlich Strecke zurück. Und auf dem Weg ist genug Zeit, um die Wildnis von Rottnest Island zu bewundern. Hier leben nicht nur interessante Tiere, wie Schlangen, verschiedene Eidechsenarten, Pfauen und Adler, hier gibt es auch abgefahrene Pflanzenarten, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Mit am spannendsten ist aber das Wappentier und gleichzeitiger Namensgeber von Rottnest Island: der Quokka oder „Das glücklichste Tier der Welt“. Das Beuteltier sieht aus, als hätte man ein Känguru mit einer Ratte gekreuzt. Das dachte auch Willem de Vlamingh, als er 1696 die Insel „Rats Nest“ (auf Deutsch: Rattennest) taufte. Blöderweise verwechselte er das Kurzschwanzkänguru mit einer Ratte – aber das kann einem ja mal passieren. Zu der Zeit gab’s ja noch kein Google. Jedenfalls fanden die Aussies den Namen irgendwann dann doch nicht mehr so toll. Wahrscheinlich weil kein Tourist freiwillig zum Rattennest fahren und sich dort die überdimensionale Ratte anschauen möchte. Also änderten sie den Namen kurzerhand zum heutigen „Rottnest Island“. Aber zurück zum Quokka. Das Tier hat etwas magisches an sich. Man kann durchaus verstehen, wieso man es damals als Ratte klassiert hat, aber auch der Känguruanteil ist nicht zu übersehen. Es ist einfach ein süßes, putziges, kleines Beuteltier, das anscheinend keine Angst vor Touristen hat. Mit ein paar Körnern und etwas Geduld frisst eins der Tiere mir bald aus der Hand. Die kleinen Vorderläufe schnappen sich dabei ganz schnell die Körner und kitzeln die Handflächen. Ich bin verliebt. So ein Tierchen könnte ich mir auch gut als Haustier vorstellen. Leider ist es strengstens verboten, die Insel zu verlassen – für die Tiere. Wenn es mal doch eins schafft, dann darf es nie wieder auf die Heimatinsel zurück, da die Ansteckungsgefahr für die zurückbleibenden Tiere zu groß wäre.

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Unsere letzte Station, nachdem wir den westlichsten Punkt – „Cape Vlamingh“ – der Insel erkundet haben, ist „The Basin“. Wie der Name schon sagt ist es ein Becken. Aber nicht irgendein Becken. Ein natürlich geschaffener Swimmingpool im Meer. Wie geil ist das denn bitte? Als ob ich nicht schon Fan genug bin, kommt nun auch noch sowas? Meine Tante erzählt uns auch erst auf den letzten Metern davon, wahrscheinlich war sie sich, um das daraufhin startende Wettrennen, durchaus bewusst. Hätte ich das gewusst, wäre ich den ganzen Tag im „The Basin“ gelegen und hätte mir den Muskelkater am folgenden Tag erspart. Aber nun ja, es ist ein genialer Abschluss für einen genialen Tag. Sobald ich nämlich am Becken ankomme, ist kein Halten mehr. Von einer Art Beckenbegrenzung geht’s in den Pool, der Ausmaße eines halben Fußballfeldes hat. Hier dümpel ich eine Weile in der Gegend herum und genieße die Kühlung meiner brennenden Muskeln.

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Leider legt die Fähre, die uns wieder zurück ans Festland bringt, schon knapp zwei Stunden, nachdem wir „The Basin“ entdeckt haben, wieder ab. Also besteige ich ein letztes Mal „die Hölle auf zwei Rädern“, wie ich das Fahrrad mittlerweile nenne und radle gemeinsam mit meiner WG zurück zur Thompson Bay. Dort darf ich das Fahrrad dann am Steg in die Hände eines Mitarbeiters vom Rottnest Express geben, der es behutsam auf einen Haufen zu den anderen Fahrrädern schmettert. Wird es jetzt verbrannt, weil ich einen Tag damit Höllenqualen durchlebt habe? Ich werde wohl nie herausfinden, ob Nummer 075 einem anderen Tourist dieselben Schmerzen zugefügt hat. Aber das ist mir in dem Moment auch egal. Wir boarden. Und wieder sitze ich, wie eine Ölsardine zwischen verschwitzten und vollkommen erschöpften Menschen und warte nur auf den Kotztütenlauf der Stewards, der fünf Minuten nach Ablegen einsetzt. Aber von der Rückfahrt bekomme ich gar nicht so viel mit. Nach weiteren zehn Minuten bin ich im Land der Träume, mein Kopf thront auf meiner Brust und der Sabber läuft mir aufs T-Shirt. Aber auch das ist mir im Moment egal. Ich kann mich nämlich nicht mehr bewegen und bin aber trotz alledem so stolz auf mich, dass ich die Insel EINMAL komplett umradelt habe. Da bleibt eigentlich nur noch zu sagen: bis zum nächsten Mal, Rottnest. Es war mir ein entsetzliches Vergnügen.