Im fünften Teil unseres Roadtrips verlassen wir Australia’s South West und entdecken die Giganten im Great Southern. Hier ist so ziemlich alles groß: neben hohen Bäumen finden sich hier gleichermaßen gigantische Steine am Strand und wir müssen auch zum ersten Mal die ein oder andere sehr große Distanz zurücklegen, um von einem zum nächsten Punkt zu gelangen. Sogar die Schlaglöcher hier unten sind so groß, dass man in Deutschland schon lange die Straße gesperrt hätte, weil ein Lkw darin hängengeblieben ist. Hier fährt man einfach drumherum. Aber mit unserem Van Nobody bereitet uns selbst das eine große Freude.

Manjimup (Diamond Tree Lookout)

Gleich zu Beginn vom Great Southern treffen wir auf ein kleines Örtchen mit dem Namen „Manjimup“. Ich hab immer noch keinen Plan, wie man es korrekt ausspricht. Aber ich weiß, dass die Endung „up“ von den Aboriginals stammt und soviel bedeutet wie „es liegt am Wasser“. Dabei spielt es keine Rolle ob das Dorf bzw. der Ort am Meer, an einem Fluss oder See liegt. Hauptsache man ist gleich am Wasser. Und an Manjimup, wer hätte es gedacht, fließt ein kleiner Fluss vorbei. Somit wäre das auch geklärt. Aber das Örtchen ist nicht etwa für den Fluss bekannt, es hat etwas viel Größeres zu bieten. Etwas südlich der Stadt steht, umgeben von anderen riesigen Bäumen, der Diamond Tree mit seinem Aussichtspunkt. Dieser Baum, mit einer Höhe von 52 Metern, diente früher als Brandausguck und bietet heute einen beeindruckenden Blick über die Southern Forests. Nachdem Angi und ich dreimal tief eingeatmet haben, machen wir uns an die Besteigung des Baums. Riesige Stahlstäbe wurden ringsherum in den Baum geschlagen, um den Aufstieg zu erleichtern. Dennoch schwankt der Baum bei jedem Windstoß und wer nicht wirklich schwindelfrei ist, sollte lieber die Finger davon lassen. Auf etwa der Hälfte des Weges kommen wir an einem Schild vorbei, auf dem steht „Das war der leichte Teil des Ganzen“. Na super! Aber nun sind wir neugierig und nehmen unseren ganzen Mut zusammen für den zweiten Teil des Aufstiegs. Oben angekommen war es auf jeden Fall die Mühen wert. Uns bietet sich ein gigantischer Ausblick auf die Wälder um den Baum. Wir sind total begeistert. Leider kann der Junge, der nach uns den Baum bestiegen hat unsere Begeisterung nicht ganz teilen. Er leidet sichtlich unter Höhenangst. Sobald er die letzten Stufen erklommen hat, lässt er sich auf den Boden der Aussichtsplattform fallen. Da kommt er auch nicht mehr so schnell weg. Erst als sein Vater auch zu uns stößt, gibt der Junge langsam wieder ein Lebenszeichen von sich. Sein Vater kann ihn dann doch davon überzeugen, sich wenigstens die Aussicht anzuschauen, wenn er schon hier oben ist, aber wirklich wohl sieht er dabei nicht aus. Ich fühle mich schlecht, als ich die beiden frage ob sie ein Foto von Angi und mir machen können, denn der Vater meint sofort „Ja, mein Junge macht das gern!“. So gern kommt es mir dann doch nicht vor: mit zitternden Händen und zusammengekniffenen Augen drückt er ein paar Mal den Auslöser unserer Kamera und reicht sie uns dann schnell wieder rüber. Dann dreht er sich blitzschnell um und steigt wieder ab. Wir warten noch bis die Zitterbüchse unten angekommen ist, dann machen wir uns auch wieder auf den Weg nach unten. Es ist toll, dass es solche Erlebnisse in Australien gibt, bei denen man auch nichts dafür zahlen muss. Hier an diesem Baum ist auch keine Person, die einem irgendwie Sicherheit vermittelt oder so. Man ist völlig auf sich alleine gestellt. Was einerseits toll ist, andererseits auch etwas beängstigend. Jedenfalls stellt dieser Baum im wahrsten Sinne des Wortes unser bisheriges Highlight dar. Und zum Glück haben wir auch viele verwackelte Fotos davon.

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Walpole (Valley of the Giants Tree Top Walk)

Wir bleiben bei den Riesen und fahren zum Valley of the Giants, wo noch mehr von diesen gigantischen Bäumen stehen. Nachdem wir nun einen dieser Dinger bestiegen haben, wollen wir wissen wie es ist, wenn man zwischen ihnen durch die Gegend läuft. Aber nicht auf dem Boden, sondern auf bis zu 60 Metern Höhe – beim Tree Top Walk. Mit AU$ 20 (14 € / CHF 15) sind wir dabei. Auf einem Rundgang zwischen den Riesen kann man anhand Informationstafeln alles über die Bäume erfahren. Und mit jedem Meter steigen wir auf die absolute Höhe von 62 Metern über dem Boden an. Nun befinden wir uns in Reichweite der oberen Blätter. So müssen sich die Dinosaurier vor mehr als 65 Millionen Jahren gefühlt haben. Es ist ein berauschendes Gefühl auf dieser Höhe zu stehen und den Boden mehrere Meter unter sich zu sehen. Nach uns quetscht sich eine junge schweizerische Familie den engen Steg entlang. Der Vater und die beiden Kinder scheinen nichts von der Höhe mitzubekommen, aber die Mutter. Mit wackligen Beinen zieht sie sich festgekrallt ans Geländer an uns vorbei. Man sieht ihr den Spaß sofort an. Und als die Kinder dann natürlich auch noch anfangen zu wippen und zu wackeln, würde sie am liebsten sofort sterben. Wir lassen die Touristen passieren und geben der armen Frau etwas Zeit, sich einigermaßen wieder einzufinden. Irgendwann sind sie hinter den großen Bäumen verschwunden, sodass Angi und ich anfangen können mit schaukeln und wippen. Weil dafür werden solche Hängebrücken ja überhaupt gebaut – ist doch allgemein bekannt. Im Laufe des Rundwegs überholen wir die Schweizer wieder, weil die Mutter der Familie mal wieder wie versteinert am Geländer hängt.

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Sobald wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, machen wir uns auf zum zweiten Teil im Valley of the Giants: the Ancient Empire. Dies ist ebenfalls ein Rundgang und führt uns auf ca. 5 km an den ganz alten Bäumen des Valleys vorbei. Hier stehen die „Red Tingles“, wie die Eukalyptus Jacksonii Bäume in Australien genannt werden. Sie sind Zeitzeugen längst vergessener Zeiten und durch mehrere Waldbrände schwer mitgenommen. Oftmals ist der Baum so stark verbrannt, dass Löcher darin entstehen, durch die problemlos fünf Menschen auf einmal passen würden. Diese Bäume kommen nur an diesem Punkt der Erde vor und stehen daher unter strengem Artenschutz. Ich fühle mich einerseits ein bisschen beängstigt, als ich durch eines dieser Löcher laufe und das Innenleben eines Baums hautnah erlebe, andererseits fühle ich mich wieder wie ein Kind, das alles unglaublich spannend und aufregend findet und am liebsten überall hochklettern würde. Ab und an mache ich das dann auch. So entdeckt man immer ein paar Sachen abseits der normalen Touristenwege. Aber der Respekt vor diesen sehr alten und mächtigen Bäumen überwiegt dann doch und so bleibe ich größtenteils brav auf dem vorgeschriebenen Weg. Das Ancient Empire begehen wir in ungefähr 30 Minuten und sind sichtlich begeistert, als wir wieder im Souvenir Shop beim Eingang ankommen. Diese Giganten muss man gesehen haben – es ist ein großes Spektakel.

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Denmark (Greens Pool, Elephant Rock)

Wie gesagt: Größe spielt im Süden eine wichtige Rolle. Die nächste Station unserer Route sind die Elephant Rocks und Greens Pool. Diese Felsen sind gigantische Steine, die einfach so am Strand rumliegen und dadurch eine einzigartige Kulisse bilden. Greens Pool ist ein zwangsläufiges Nebenprodukt dieser Steine, denn hinter den Steinen bildet sich eine Art Pool, der immer wieder von großen Wellen mit frischem Meerwasser gespeist wird. So hat man einen Pool direkt am Strand. Leider ist das Wetter ziemlich mies, als Angi und ich dort ankommen. Es hat seit Tagen nur geregnet und die Temperatur ist auf knackige 17° Celsius gefallen. Diesen Unterschied nimmt man in Australien deutlich wahr, wenn man an Temperaturen um die 35° Celsius gewohnt ist. Daher bleibt uns ein Schwimmgang im Greens Pool leider verwehrt. Aber der Blick ist selbst bei schlechtem Wetter eine Wucht. Vielleicht auch gerade deswegen. Monsterwellen brechen an den Steinen und spritzen kreuz und quer durch die Gegend. Der Wind pfeift einem um die Ohren und jagt einem den Regen ins Gesicht. Wir fühlen uns fast ein bisschen wie an der Nordsee. Und da ist es ja auch schön. Nachdem wir uns ein bisschen den Strand rauf und runter gekämpft haben, ist Angi eisig kalt und ich bin klatschnass. Also zurück zu Nobody und erstmal etwas Warmes trinken und essen. Ich hatte mir eigentlich geschworen in Australien keine langen Sachen anzuziehen, da ich schließlich in Australien bin. Aber bei diesen Wetterverhältnissen freue ich mich regelrecht auf meine lange Jogginghose und Socken! Das mir sowas in Australien mal passiert, hätte ich vorher auch nicht gedacht. Naja, man lernt nie aus und wer weiß was noch so alles auf dem Roadtrip passiert.

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