IM SWAN VALLEY GILT: PROBIEREN GEHT ÜBER STUDIEREN (BEITRAG)

Der äusserst freundliche, junge Herr hinter dem Tresen empfiehlt uns mit starkem australischem Akzent, mit einem prickelnden Weisswein zu beginnen. Glaube ich zumindest. Egal, wir stimmen zu und strecken ihm unsere Gläser entgegen. Das sektähnliche Getränk war eine gute Wahl. Mein Feinschmeckergaumen erkennt den Geschmack von Passionsfrucht und einem Hauch von Apfel. Aber vielleicht auch nur deshalb, weil es auf der Getränkekarte, die vor mir liegt, so steht. Macht nichts, ich tue trotzdem so, als hätte ich Ahnung von dem, was ich gerade tue bzw. trinke. So macht die Weinprobe schliesslich doppelt so viel Spass. Aber erstmal zurück zum Anfang dieses werdenden Saufgelages. Pam und ich sind heute Morgen von Perth nach Guildford gefahren. Wer uns kennt, hat den Fehler bestimmt gleich erkannt: Pam und ich sind heute nach dem Mittag von Perth nach Guildford gefahren. Es ist eine angenehme Fahrt, die etwa 30 Minuten dauert und 30 Liter Schweiss verbraucht – es ist knapp 35 Grad und wir fahren ohne Klimaanlage. Nur um eins klar zu stellen, unser Van hat zwar eine Klimaanlage, aber wir sind im Moment Sparfüchse des höchsten Niveaus, und können kein Geld aus dem Fenster werfen. Denn mit Klimaanlage braucht der Van mehr Sprit, ergo: teurer.
Selbstverständlich haben wir unserem Van auch einen Namen gegeben. Pam meint, es sei ebenso notwendig einen Van zu taufen, wie ein Boot. Mir war’s bums. Trotzdem haben wir gefühlt drei Stunden über einen Namen diskutiert. Für Kinder einen Namen zu finden, dauert wahrscheinlich nicht mal halb so lang. Luke und Leia sind ja eigentlich sowieso schon gesetzt. Trotzdem nennen wir unseren Van nach langem hin und her nicht Millennium Falcon, sondern: Nobody. Denn „Nobody is perfect“, „Nobody has fun“ und „Nobody is gonna rock our world“. Mit Nobody wird es uns auf der Reise also garantiert nicht langweilig. Und wie wir unser Gefährt gefunden haben, ist genug für eine separate Geschichte.

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Also nun weiter im Text. Nach Ankunft in Guildford fahren wir direkt weiter zum Swan Valley Food & Wine Trail. Dieser 32 Kilometer lange Rundgang des Glücks beherbergt unzählige Weinkellereien sowie auch einige Brauereien, Destillerien, Restaurants, Cafés und sogar eine Schokoladenfabrik. Wir begehen heute aber nur einen kleinen Teil des Weges. Also schätzungsweise etwa 200 Meter. Aber für einen Nachmittag reicht es völlig aus. Denn auf diesen 200m gibt es alles, was das Herz begehrt: Wein, Käse, Likör, Schokolade und anderen Leckereien. Wir besuchen als erstes die Lancaster Kellerei. Sie wirbt mit einem Schild, auf dem steht: Free Wine and Cheese Tasting. Gratis Wein und Käse, ich bin also direkt Feuer und Flamme. Trotzdem können wir es zu Beginn nicht so ganz fassen, dass der nette Herr hinter dem Tresen unsere Gläser wirklich kostenlos etliche Male wieder auffüllt. Aber er tut es wirklich. Und das ist auch gut so. Dass wir mit „NV Sparkling White“ begonnen haben, habe ich ja bereits erzählt. Als nächstes folgt ein Weisswein. Ein Sauvignon Blanc. Obwohl ich normalerweise lieber Rotwein trinke, ist so ein Weisswein zum Anfangen gar nicht mal so schlecht. Vor allem an so einem heissen Tag wie heute. Nachdem wir dann den Rosé probiert haben, der mehr an Rimuss erinnert, als mir lieb ist, landen wir endlich beim Rotwein. Erst einen „Tin Shed Shiraz“ und dann einen „9 Rows Cabernet“ – der Stolz dieser Kellerei. Mit geschwellter Brust erklärt uns der Sommelier, dass die Trauben dafür direkt hinter unserem Tischchen wachsen. Wir können ihnen also beim Heranreifen zusehen, während wir uns genüsslich den Wein hinter die Binde kippen. Die ganze Verkostung findet übrigens draussen in den Weinreben statt. Sehr nett sieht’s aus.
Dazu gibt es Käse. Knoblauch-Chili-Käse, nur Knoblauch-Käse und Oliven-Käse. Schmeckt gar nicht mal so schlecht für australische Verhältnisse. Nichts im Vergleich zum „Tasty Cheese“ im Supermarkt. Denn, da ist wirklich nur der Name „tasty“. Aber das ist ein ganz anderes Thema und für diese Geschichte viel zu umfassend. Jedenfalls ist der Lancaster Käse, wie gesagt, ziemlich schmackhaft. Vielleicht liegt es aber auch an den etwa fünf Gläsern Wein, die ich bis dato schon intus habe. Für den Moment reicht’s uns zumindest. In der Hitze haut der Wein sowieso etwa dreimal so stark rein wie sonst. Mein Gleichgewichtssinn ist schon etwas getrübt und so machen wir uns auf den Marsch zum nächsten Lokal.

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Wir wollen zu Providore, auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Hört sich einfacher an, als es ist. Denn hier fahren etwa mindestens genau so viele Autos vorbei, wie zur Stosszeit am Neckartor in Stuttgart. Somit müssen wir gefühlt eine Stunde an der Strasse warten, bis wir sie überqueren können. Die Sonne steht hoch am strahlend blauen Himmel. Es ist heiss. Es ist extrem heiss. Es ist so abartig heiss, dass wir uns von Schattenplätzchen zu Schattenplätzchen schleichen müssen, damit wir nicht komplett triefend in der nächsten Gaststätte eintreffen. Hat nicht geklappt, wir sind von Kopf bis Fuss durchgeschwitzt. Also erst nochmal kurz bei Nobody vorbei, für eine schnelle Deo-Dusche und weiter geht’s. Das ist das Gute daran, wenn man sein Zuhause auf Rädern immer mit dabei hat. Providore ist Shop/Bar/Kellerei mit allerlei lokalen Produkten. Die Palette reicht von allen möglichen Ölen und Balsamico-Essigen, über unterschiedlichste Pasten und Konfitüren, bis bin zu Schokoladenlikör. Und natürlich Wein. Jeder hier bietet Wein an. Wirklich jeder. Nachdem wir also jegliche Döschen und Fläschchen, die da stehen, einmal durchprobiert haben, gesellen wir uns an die Bar. Da werden wir freundlich bedient und beraten. Weiss oder rot? Süss oder trocken? Einmal mehr, trinke ich ein Glässchen Wein. Dieses Mal steige ich aber direkt beim Rotwein ein, den Apéro haben wir ja schon hinter uns. Damit ich auch wirklich professionell vergleichen kann, wird es wieder ein Shiraz und danach ein Cabernet Sauvignon. Das Weingut heisst „Coward and Black“. Und ich muss sagen: wow, ist dieser Cabernet gut. Die fruchtige Note von roten Kirschen und Pflaumen stimuliert meine Geschmacksknospen förmlich und der Abgang: ein Traum. Nach meinem kleinen „Foodgasm“ glaube ich nicht, dass es noch besser werden kann. Aber da täusche ich mich gründlich. Denn die Bardame tischt uns zum „Dessert“ die vier verschiedenen Schokoladenliköre von Sambarino auf. Als erstes gibts den „Sambarino Classic Chocolate Liquer“ – sehr lecker. Als zweites bekommen wir einen Likör mit Haselnuss Mousse. Nachdem wir einen kleinen Schluck davon probiert haben, macht die Kellnerin etwas, das so unglaublich simpel und doch so unglaublich gut ist: sie kippt noch etwas Milch dazu. Jetzt ist es also quasi kalte Schokolade mit Schuss. 18 Vol% um genau zu sein. Perfekt als Morgen-Ovi. Und falls zum Aufwachen doch mal ein Schuss Espresso vonnöten ist, gibt es den „Sambarino Macchiato Liqueur“, der wie ein Latte Macchiato schmeckt, bei dem Engel, die Kaffeebohnen von Hand gepflückt und verarbeitet haben. Ich fühle mich wie im siebten Himmel. Um das Ganze abzurunden, kommt noch ein Mint-Likör, à la After Eight. Da ich aber Minze nicht ausstehen kann und sowieso schon zufriedengestellt bin, lehne ich dankend ab. Pam’s Urteil: „quite alright“.

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So, jetzt sind wir auch richtig besoffen und nach Schokolade, kommt bekanntlich am besten noch mehr Schokolade. Also schwanken wir die etwa zehn Schritte rüber zur Margaret River Chocolate Co. Schokoladenfabrik. Regal um Regal voll mit den unterschiedlichsten Schokoladenformen. Es finden sich hier sogar Schokoladen-Quokkas, -Kängurus und -Koala Bären. Da wir aber Tierfreunde sind, lassen wir die armen Tierchen in Ruhe. Ausserdem ist meine Aufmerksamkeit jetzt einer etwa fünf Meter lange Theke, gefüllt mit Pralinés, Truffes usw., gewidmet. Ich stehe etwa zehn Minuten wie in Trance davor, bevor ich die Auslage direkt daneben entdecke. Sie ist randvoll mit selbst gemachten Eis. Ich glaub, ich träume. Es könnte auch der Alkohol sein. Ich kneife Pam 1-2 Mal. Er beschwert sich. Also ist’s wohl doch real. Auf den kleinen Schock, brauche ich erstmal was Süsses, um die Nerven zu beruhigen. Also ab zur Probierstation. Es gibt die Auswahl zwischen Weisser-, Dunkler- und Milchschokolade in kleiner Drops-Form. Ran an die Löffel, fertig, los. Nach so viel Schokolade, bekommen wir wieder Durst. Dann beginnen wir das Ganze also doch einfach nochmal von vorne. Auf zur nächsten Weinverkostung. Die nächsten paar Stunden sind schummrig.

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Als wir wieder zu uns kommen, stehen wir wieder in Guildford. Das ist ein kleines, historisches Städchen mit ein paar Gebäuden aus der Kolonialzeit und einem Stadtpark. Wir wandern ein bisschen umher und schauen uns alles an. Es ist nett, aber zum Glück nicht all zu gross. Weit hätten wir nicht mehr gehen können. Nach all dem Trinken, sind wir hungrig, hungrig nach was richtig Gutem. Ein Burger muss her. Alfred’s Kitchen sieht vielversprechend aus. Es ist ein kleiner Burgerladen an der Hauptstrasse. Und davor hat sich eine lange Schlange gebildet. Wir nehmen das als gutes Zeichen und stellen uns geduldig hinten an. Glücklicherweise gilt Burger als Fast Food und somit geht es recht schnell. Zudem schmeckt es auch noch vorzüglich. Wir wurden also nicht enttäuscht. Die Burger sind jedoch so deftig, dass wir nicht mal mehr die Pommes schaffen. Egal. Bis zum Rand voll und zufrieden begeben wir uns auf unseren Verdauungsspaziergang nach Hause. „Nobody is waiting for us“. Wir haben ihn in einer Seitenstrasse geparkt und da schlummern wir jetzt gekonnt illegal. Yeah, so macht Campen Spass.

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