Es gibt viele Wege Vietnam zu bereisen. Einige davon sind spannend, besser gesagt: alle sind spannend. Andere sind nervig und auf wenige möchte man einfach nur verzichten. Wir haben so ziemlich jede Art ausprobiert, um in Vietnam von A nach B zu kommen und können nun davon erzählen. Eine ist uns aber ganz besonders in Erinnerung geblieben. Es folgt eine kleine Anekdote des öffentlichen Verkehrs in Vietnam.

IM SCHLAFBUS DES TODES

Man muss zu allererst mal sagen: cool, dass es in Vietnam diese Möglichkeit des Reisens gibt. Keine Frage ist sowas nicht selbstverständlich und daher meine vollste Hochachtung, dass es in einem sonst so unorganisierten Land wie Vietnam klappt, in einen Bus abends einzusteigen und am nächsten Morgen tatsächlich am gewünschten Ort wieder auszusteigen.

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Nun aber zum Weg zwischen diesen beiden Punkten: Wir haben viele Schlafbusfahrten in Vietnam unternommen, aber keine hatte es so in sich wie die Fahrt von Dalat nach Ho-Chi-Minh-Stadt. Angi und ich haben uns, in weiser Voraussicht, extra für die Abfahrt um 23 Uhr ab Dalat entschieden, da wir nach der angegebenen Fahrtzeit von 8 Stunden morgens um 7 Uhr in Ho-Chi-Minh-Stadt sein sollten. Also fahren wir mit dem Shuttle Bus von Futa Bus vom Hostel in Dalat zum Busterminal und steigen in das Gefährt der Hölle ein. Wir sind überrascht, dass alles so reibungslos klappt, aber ahnen zu dieser Zeit noch nicht was uns auf der Fahrt bevorsteht. Der Bus setzt sich in Bewegung und verlässt die Stadt in Richtung Süden.

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Man muss dazu sagen, dass Dalat in den Bergen liegt. Alle Straßen, die zur oder weg von der Stadt führen, müssen also zwangsläufig an Bergen entlang führen. Und jeder der weiß, dass man eine Straße nicht einfach senkrecht den Berg hoch bauen kann, kann ungefähr einschätzen wie viele Kurven dieser Bus runter ins Tal zurücklegen musste. Unzählige. Wenn man dazu aber auch noch einen Busfahrer hat, der anscheinend einen Hass gegen alles und jeden, der sich auf der Straße befindet, hegt, dann hat man einfach verkackt. Schlicht und einfach verkackt! Denn unser Fahrer war so ein Wahnsinniger. Er warf den Schlafbus mitsamt den 20 Besatzungsmitgliedern von einer Kurve in die andere – ohne Rücksicht auf Verluste. Wozu auch? Er hatte offensichtlich schon mit seinem Leben abgeschlossen. Aber ich, der zusammengekauert hinten im letzten “Bett” lag, wollte leben. Ich wollte die Welt sehen und nicht auf einer Straße, die in Deutschland niemals den Titel “Straße” erhalten hätte, zwischen einem regnerischen Bergdorf und der turbulentesten Stadt Vietnams irgendwo neben einer Kuh im Straßengraben das Zeitliche segnen. Ihm schien das aber egal zu sein.

Er überholte gerade den nächsten Lkw in einer Rechtskurve. Ja, richtig: in einer Rechtskurve. In Vietnam fährt man wie in Deutschland auch auf der richtigen Seite der Straße und daher ist das Überholen in einer Rechtskurve grundsätzlich eine ganz dumme Idee. Leider wird das vietnamesischen Busfahrern anscheinend in der Fahrschule beigebracht. “So, hör mal zu: sobald sich ein langsamer, aber gigantisch langer Lkw vor dir befindet, wartest du so lange hinter ihm und hupst was das Zeug hält, bis eine Rechtskurve kommt. Dann überholst du. Aber nicht schnell! Nein, das wäre zu einfach. Du überholst im Schritttempo, sodass du dem Lkw-Fahrer noch etwas zurufen und seine Antwort abwarten kannst, während du an seiner Fahrerkabine vorbei schleichst. Verstanden?!”, so ungefähr muss das in der Fahrschule ablaufen. Anders ist das Verhalten der Busfahrer hier in Vietnam einfach nicht zu erklären.

Aber worin sie auch ganz besonderes Können beweisen, ist das Hupen. In vietnamesischen Fahrzeugen, egal welchen, wird nämlich statt der Bremse eine lautere Hupe eingebaut. Ganz nach dem Motto: wer bremst verliert, hupen sich die Verkehrsteilnehmer ihren Weg durch das Chaos. Unser Busfahrer hat das perfektioniert. Er fährt auf das davor fahrende Fahrzeug so dicht auf, dass ein Blinder die aufgestellten Nackenhaare dieses Fahrers erkennen könnte. Und dann wandert seine Hand ganz von alleine auf die Hupe. Und dort bleibt sie dann auch. Manchmal für mehrere Minuten, ab und zu sind es auch nur kurze Hupintervalle, die mit viel Fantasie vielleicht sogar eine Melodie ergeben könnten. Nachdem sich das Fahrzeug aber nicht plötzlich in Luft auflösen kann, fährt unser Fahrer daneben und drückt es ganz gekonnt von der Straßenbahn. Ist ja auch logisch. Wenn er keinen Platz macht, dann ist er halt selbst Schuld! Wer würde das nicht verstehen? Was aus den ganzen abgedrängten Fahrzeugen geworden ist, will ich mir lieber nicht ausmalen. Wahrscheinlich liegen die jetzt neben einer Kuh im Straßengraben.

Nachdem ich hinten in meinem “Bett” von einer Seite zur anderen geschleudert werde, dank dem, aber den Bus aus jeder erdenklichen Position zu sehen bekomme, setzt unser geliebter Fahrer zum grandiosen Finale an. Vor uns fährt mal wieder ein Lkw. Aber diesmal setzt dieser Lkw zum Überholen des davor fahrenden Lkws an. Und genau in die Lücke, zwischen erstem und zweitem Lkw quetscht sich unser halsbrecherischer Busfahrer und überholt sie beide. Links und rechts hätte nicht mal mehr ein Seidentuch Platz gehabt und das Gehupe ist groß, doch irgendwie schafft es unser Fahrer seinen Bus zwischen zwei 7,5 Tonnern hindurch zu schleusen. Spätestens jetzt möchte ich vielleicht doch einfach nur sterben.

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Wir sind nun schon mindestens 4 Stunden unterwegs. Eigentlich Halbzeit. Da hatte ich die Rechnung aber ohne den vietnamesischen Rambo hinterm Steuer gemacht. Aufgrund seiner Fahrweise und der Raserei, die er an den Tag bzw. in die Nacht legte, waren wir schon nach 5 anstatt 8 Stunden in Ho-Chi-Minh-Stadt. Also um 4 Uhr nachts. Und was macht man um 4 Uhr nachts, in einer Stadt, die man nicht kennt, mit einem Schädel, der sich anfühlt als hätte man drei Tage durchgesoffen? Man geht ins nächste Café und erholt sich von den Strapazen einer Busfahrt in Vietnam.