Bis vor kurzem dachte ich noch, dass der ANZAC Day das Allergrößte für Australier und Neuseeländer ist. Doch da habe ich mich getäuscht. Am 26. Januar 2017 werde ich eines besseren belehrt. Und ich als Deutscher – der am Tag der Deutschen Einheit nicht triumphierend durch die Straßen marschiert und jeden umarmt, der ihm über den Weg läuft – bin von der Ausgelassenheit, mit denen die Australier einen ganz bestimmten Tag im Jahr feiern, völlig überfordert. Ich spreche von keinem geringeren Tag als „Australia Day„. Oder „Straya Day“, wie ihn die Australier liebevoll nennen.
Es ist ein Tag im Jahr, neben Christmas Day, an dem ein ganzes Land verrückt spielt und sich alle gegenseitig auf die Schulter klopfen, was für eine großartige Nation sie sind. Als Deutscher undenkbar. Aber wie man sieht, am anderen Ende der Welt, ganz typisch.

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Den Australia Day verbringen Angi und ich in Perth bei meiner Tante. Während mein kleiner Cousin bei 42 Grad im Schatten die Australische Trinkkultur, mit seinen ebenso schwitzenden und besoffenen Jungs, auf glorreiche Weise zelebriert, machen wir uns mit Nobody auf eine kleine Tour durch die Stadt, um etwas vom Straya Day mitzubekommen. Leider hat es wie gesagt 42 Grad. Sogar meine Schweißperlen schwitzen ab der ersten Sekunde, nachdem ich die Dusche verlassen habe. Bei solchen Temperaturen sind anscheinend auch die Australier in Perth zu „lazy“, um den Tag richtig zu feiern. Wir fahren durch leere Straßen einer Geisterstadt. Es sind zwar Vorkehrungen getroffen worden, um die Menschenmassen, die sich auf den Weg zum Kings Park machen sollten, irgendwie unter Kontrolle zu bekommen, aber das ist leider vergebens: es macht sich sowieso niemand auf den Weg dorthin. Also weiter zum nächsten großen Punkt, wo sich an diesem Tag Australier aufhalten: der Strand. Um genau zu sein: der City Beach von Perth.

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Hier sieht die Welt gleich ganz anders aus. Tausende von Menschen säumen die Gras- und Sandflächen entlang des Meeres. Jeder, der nicht fünf eigene Grills, ein 50 Quadratmeter großes Zelt, ungefähr 5 Tonnen Kohle oder 1.000 Liter Gas und die gesamte Innenausstattung eines Mehrfamilienhauses dabei hat, setzt sich einfach irgendwo dazu. Platz und Würstchen hat’s ja genug. Sofern man ein paar der unzähligen, in den Boden gesteckten, Länderflaggen etwas weiter zum Nachbar steckt. Der freut sich über das Zeichen von Zuneigung sehr und reicht einem daraufhin bestimmt gleich ein Bier. Ja, Bier. Wobei das Trinken in der Öffentlichkeit in Australien ja eigentlich verboten ist. Aber am Straya Day scheint das niemanden zu jucken. An dem Tag trinken sogar die Polizisten, die in voller Montur in der prallen Sonne stehen und das Spektakel im Auge behalten. Wir kämpfen mit der Hitze. Die Sonnencreme möchte bei dem ganzen Schweiß auf meiner Haut einfach nicht einziehen und so gehe ich, in einer der vielen Duschen am Strand, erst nochmal duschen. Kann ja nicht schaden. Danach: ab ins Wasser. Als einer der wenigen Menschen im Wasser ohne Cocktail oder Bier in der Hand, steche ich aus der Maße hervor, wie ein eben ein Mensch im Wasser ohne Cocktail oder Bier in der Hand. Solange niemand ertrinkt, scheint es den Rettungsschwimmern auch egal zu sein, wenn sich eine Horde von torkelnden, jungen Frauen mit viel zu viel Make-Up auf das Meer zubewegt. Und das bereits um 13 Uhr. Also treibe ich ein bisschen vor mich hin und bestaune die australischen Einwohner, wie sie „ihren“ Tag des Jahres richtig begießen. Es ist aber irgendwie auch richtig schön zu sehen, dass sich eine Nation so freuen kann. Australien ist sehr multikulturell. Und „Down Under“ juckt es niemanden, woher man kommt oder welche Hautfarbe man hat – solange man mitfeiert und schlechtes Bier trinken kann. Ich habe ja die Theorie, dass wenn man EMU Export oder Victoria Bitter trinken und man danach einen ansatzweise akzeptablen Gesichtsausdruck vorweisen kann, dann ist man voll und ganz ein Teil der westaustralischen Gesellschaft. Mit Stolz darf ich verkünden: ich gehöre dazu! Auch wenn ich das Bier in Deutschland ein klein bisschen vermisse. Trotzdem hat Australien in Sachen Bier einiges zu bieten. Aber jetzt darüber zu erzählen, würde selbst den Rahmen des wichtigsten Tages dieses Landes sprengen. Naja, nach der gelungenen Abkühlung starren Angi und ich noch ein paar Australier beim Grillen an und merken: wir haben Hunger! Beim Anblick eines Grills, auf dem man problemlos einen kompletten Grizzlybären zubereiten könnte, wächst in uns auch der Wunsch nach etwas herzhaftem. Also zurück zu den Verrückten, die im Haus meiner Tante ein Trinkspiel nach dem anderen spielen und eins nach dem anderen, weniger Sinn ergibt. Aber mit steigendem Alkoholpegel ist das wahrscheinlich auch Nebensache. Sie haben ihren Spaß und das ist auch gut so.

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Das Essen muss allerdings noch etwas warten. Meine Tante hat geplant, dass wir alle gemeinsam am Swan River picknicken. Also werden Sandwiches, Quiches und Salate vorbereitet und ab geht’s an den Fluss. Von dort aus hat man angeblich auch einen hervorragenden Blick auf das Feuerwerk, für das Perth am Australia Day bekannt ist. Wir sind auch nicht die einzigen, die es nach 17 Uhr an den Fluss treibt. Bei Temperaturen von “nur” noch 37 Grad ist das gesamte Flussufer gerammelt voll. Überall campen, grillen, feiern, trinken, quatschen, spielen und küssen sich die Leute zur Feier des Tages. Wir laufen ein bisschen am Fluss entlang, bis wir uns zwischen ein paar anderen BBQ-fanatischen Australiern breit machen. Mit der Dämmerung kommt auch die schöne Stimmung. Die Lichter von Perth erleuchten den gesamten Swan River und die Schaulustigen prosten sich mit Bier und Wein herzhaft zu. Leider erreicht uns dann auch die niederschmetternde Nachricht: bei einem Rundflug über den Fluss ist am späten Nachmittag ein Flugzeug abgestürzt, wobei beide Insassen ums Leben kamen. Darauf hin hat die Stadt Perth alle Feierlichkeiten zum Australia Day mit sofortiger Wirkung eingestellt. Leider auch das Feuerwerk. Aber es wäre auch etwas unangebracht zu feiern, wenn die Stadt den Tod zweier Mitmenschen betrauert.

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Nach dem Schock nehme ich erstmal einen kräftigen Schluck von meinem EMU Export. Danach sieht die Welt wieder ganz anders aus. Trotz der schlimmen Nachricht wird am Fluss weitergefeiert und lauthals mit den Menschen auf den Booten, die im Fluss vor Anker liegen, kommuniziert. So habe ich die Australier kennengelernt: sie machen immer das Beste aus jeder Situation. Daher kann ich sagen: auch wenn wir das berühmte Feuerwerk nicht gesehen haben, mein erster Australia Day wird mir immer in Erinnerung bleiben. Selbst mit dem Kater am nächsten Morgen.

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